{"id":333,"date":"2015-01-11T13:11:39","date_gmt":"2015-01-11T12:11:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/?page_id=333"},"modified":"2024-12-23T11:42:51","modified_gmt":"2024-12-23T10:42:51","slug":"vergebt-uns-ihr-herren","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/index.php\/buecher\/vergebt-uns-ihr-herren\/","title":{"rendered":"Vergebt uns Ihr Herren"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/vergebt-uns-Ihr-Herren-cover-homepage.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"207\" height=\"300\" src=\"http:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/vergebt-uns-Ihr-Herren-cover-homepage-207x300.jpg\" alt=\"vergebt uns Ihr Herren cover homepage\" class=\"wp-image-787\" srcset=\"https:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/vergebt-uns-Ihr-Herren-cover-homepage-207x300.jpg 207w, https:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/vergebt-uns-Ihr-Herren-cover-homepage-705x1024.jpg 705w, https:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/vergebt-uns-Ihr-Herren-cover-homepage.jpg 1773w\" sizes=\"auto, (max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Inhalt:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schriftstellerin und Regisseurin Johanna Tschautscher besch\u00e4ftigt sich seit dem Jahr 2005 mit afrikanischen Fl\u00fcchtlingen auf dem Weg nach Europa. Sie realisierte zwei Filme und wurde Teil von Projekten, die die Situation verbessert haben. In diesem Buch erz\u00e4hlt sie \u00fcber ihre letzten f\u00fcnf Jahre, die sie in die Sahara gef\u00fchrt haben, nach Ghana, Italien, Br\u00fcssel, Deutschland und zu verschiedenen internationalen Organisationen und Firmen in Deutschland, Frankreich, den USA und \u00d6sterreich.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:47px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Textausschnitt:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Weit, weit weg von hier geschieht die Weltengeschichte meiner und der anderen Seele, aber das durch die Revolutionen bereits befreite Volk ruft seine demokratischen Mittel nicht auf, um auf Grund der Reziprozit\u00e4t das Leid der Millionen Unterprivilegierten erkennen und ver\u00e4ndern zu wollen. Die Kulturen, ihre Geschichten, \u00dcberlieferungen, Symbole und Priorit\u00e4ten, die heutzutage vorwiegend in Filmen transportiert werden, haben unsere Seelen noch nicht f\u00fcr diese Handlungen ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>In welcher Kultur leben wir? Was bildet unsere Seele und was limitiert sie? Was kann die \u00dcberlieferung? Was kann die \u00dcberlieferung noch nicht, da Macht, Gewinn und Siegerkultur st\u00e4rker sind als ein Bewusstsein, das \u00fcber den Lebenshorizont eines Hundes hinausgeht. Ein Mensch, der empfinden kann, dass Menschlichkeit zu Grunde geht, wenn ein Kind an Hunger stirbt.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Essay \u00fcber Freud und Film schreibe ich von \u201eder Kunst ein Mensch zu sein\u201c, als Begriff daf\u00fcr, wie die Kultur und die \u00dcberlieferung den Menschen formen und ich schreibe von der \u201eNatur ein Mensch zu sein\u201c, von einer mir gegeben erscheinenden Ordnung, die wir in und um uns haben und in der wir \u201eMensch\u201c werden. Die Kulturen machen diese Formen auf unterschiedliche Weise sichtbar und durchf\u00fchrbar. Der \u201eStoff\u201c ist derselbe. Es geht um die allgemeine \u201eMenschlichkeit\u201c, die \u201eHumanit\u00e4t. Die Kultur bietet Formen an, strukturelle Chronologien, Riten, Traditionen, damit der Mensch, seine Seele, seine Psyche, sein K\u00f6rper wachsen kann, sich entwickeln, entfalten, erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte diesen Beitrag \u00fcber Freud und Film schreiben, um erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, dass jahrtausendelang kulturelle Entwicklungen stattgefunden haben, die unser Handeln bestimmen, aber dass wir \u2013 haben wir die Festlegung durch diese Strukturen einmal erkannt \u2013 frei sind, sie anders zu handhaben. Ich wollte davon schreiben, dass Kulturen und \u00dcberlieferungen Seele formen, und dass uns die bisherigen Formen an einen gewissen Punkt gebracht haben, der aber angesichts der globalen Grausamkeiten hinterfragt werden muss und ver\u00e4ndert werden kann. In der \u201eNatur ein Mensch zu sein\u201c, liegt unsere F\u00e4higkeit der Reziprozit\u00e4t, auch wenn die Kulturen diesen Begriff festgelegt und mitunter noch nicht verst\u00e4ndlich gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg nach Bonn im Zug durchdachte ich, dass das Symbol des \u201eSieges\u201c und des \u201eGewinnes\u201c innerhalb eines Lebensablaufes Punkte sind, die erreicht werden k\u00f6nnen, die aber von einer mehrdimensionalen Pers\u00f6nlichkeit sofort wieder verlassen werden m\u00fcssen, da in ihnen keine Spanne f\u00fcr Dynamik \u2013 also Leben \u2013 liegen. Solange der Sieger dieses Ph\u00e4nomen nicht durchschaut, sucht er immer wieder eine neue Herausforderung, um wieder \u201esiegen\u201c zu k\u00f6nnen, also Lebens-Spanne und Handlungsspielraum zu bekommen. Denn damit hat er erneut einen Weg vor sich, zu seinem Ziel! In dieser Dialektik Weg-Ziel, Herausforderung-Sieg liegt die n\u00f6tige Lebensspanne f\u00fcr den Siegertypen, der so festgelegte Mensch braucht sich keine weiteren Gedanken mehr machen, denn seine Ziele sind definiert, die Herausforderung kann er differenzieren, damit bekommt er das Gef\u00fchl von Repertoire. Er kommt solange nicht auf die Idee, dass es auch andere Lebenskonzepte geben kann, solange er siegen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau so \u00fcberdachte ich, w\u00e4hrend ich mir Gedanken \u00fcber Freud und Film machte, wie unser Geist und unsere Seele durch die Festlegung von Erz\u00e4hlstrukturen und kollektiven Grundmustern entwickelt, geformt und limitiert werden. Und das bereits in ganz fr\u00fchen Entwicklungsstadien, der fr\u00fchesten Kindheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist \u201eein Sieg\u201c? Was bedeutet \u201eGewinn\u201c? Warum hat er eine so zentrale Stellung in unserem Denken eingenommen? Warum wollen wir Produkte \u201ebillig\u201c erwerben und nicht a priori \u201efair\u201c? Liegt das an der \u00dcberlieferung, in der \u201eSieg\u201c und \u201eGewinn\u201c diese und jene Bedeutung haben und dieses und jenes f\u00fcr uns profitabel erscheinen lassen? F\u00fcr das jeweilige \u201eIch\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p>Filme, Tr\u00e4ume, Archetypen, Symbole, Helden, Vorbilder geh\u00f6ren zur Bildung des Ich. Sie fordern das Ich heraus, werfen ihm Vorlagen vor, hinterfragen es, bieten an, ordnen, impfen. Die Archetypen sind komplexe, geistige Facetten, die in jedem \u201eIch\u201c vorhanden sind. Symbole wie \u201e \u201eGeld\u201c, \u201edas Reich\u201c, \u201edie Macht\u201c sind Bestandteile eines Ganzen. Ich fragte mich, warum gerade der Gewinn eine so gro\u00dfe Bedeutung in unserer Zivilisation gewonnen hat und wann die \u00dcberlieferung und die Kultur begonnen haben, dieses Ph\u00e4nomen zu \u00fcberbewerten? Warum ist nicht \u201eEmpathie\u201c in das Zentrum von Geschichten ger\u00fcckt? Warum nicht \u201eDynamik\u201c? Warum gerade \u201eGewinnmaximierung\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p>Rein rechnerisch zahlt sich diese Siegerkultur nicht aus. Europ\u00e4ische Firmen gewinnen am Rohstoffabbau in einem sogenannten Dritte Welt Land, die dortige Bev\u00f6lkerung verarmt, die M\u00e4nner greifen zu Waffen, Jugendliche in Nordafrika werden von Terroristengruppen rekrutiert genau so wie Jugendliche auf der ganzen Welt von mafi\u00f6sen Zusammenschl\u00fcssen, da ihnen die dynamischen, vitalen Alternativen fehlen. Absurde Handelsstrategien f\u00fchren zur Vernichtung von Kleinm\u00e4rkten. Dumpingpreise zur Flucht von 1,5 Millionen Menschen. Hungersn\u00f6te. Fl\u00fcchtlingslager, die zu Dauerwohnst\u00e4tten wurden. Milliarden Euro f\u00fcr den Grenzschutz in Europa. Der Kampf gegen den Terror. Der Kampf gegen Korruption. All das kostet Unsummen an Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist \u201eder Markt\u201c und seine Gesetzlichkeit ein Ausdruck der Entwicklungsstufe unserer Kultur und damit unseres kollektiven Bewusstseins?<\/p>\n\n\n\n<p>Jean Ziegler spricht vom zugrunde Gehen der Menschlichkeit an und f\u00fcr sich, wenn ein Mensch in einer Welt des \u00dcberflusses an Hunger stirbt. Das liegt an unserer Kultur, aber nicht in unserer Natur. In der menschlichen Natur sind grunds\u00e4tzlich Neugier, Freude, das Bed\u00fcrfnis zu lieben und geliebt zu werden die Motoren. In der Kultur sind es Sch\u00f6nheit, Reichtum, Ansehen, Macht, Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum lassen wir uns von Entscheidungstr\u00e4gern regieren, von Managern, die Gro\u00dfkonzerne und Gro\u00dffirmen f\u00fchren, die in Zeiten der globalen Krise immer noch satte Gewinne f\u00fcr sich herausschlagen? Warum stehen wir nicht geschlossen auf und sagen: Nein, wir wollen etwas anderes. Warum verteidigen wir nicht \u201eunsere W\u00e4lder\u201c, wie es die Penan tun? Warum bleiben wir Komplizen? Wann und an welchem Punkt in unserer Kultur und unserer pers\u00f6nlichen Menschwerdung haben wir aufgeh\u00f6rt \u201edas Ganze\u201c einzufordern, in dem wir Teil und Ganzheit gleichzeitig sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Liegt das an den \u00fcberlieferten Chronologien?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich stellte es sich nach l\u00e4ngerer Auseinandersetzung so dar, als w\u00e4ren diese \u201eElemente\u201c unserer Geschichte und Kulturen in einem bestimmten Zeitalter und unter bestimmten Umst\u00e4nden eben so und so ben\u00fctzt worden, aber f\u00fcr mich war immer klar, dass sie auch anders benutzt werden k\u00f6nnen, da es f\u00fcr mich Freiheit auch abseits der \u00dcberlieferungen gibt. Darum verstand ich Jean Ziegler sofort, als er sagte: Nehmen wir ein Blatt Papier und schreiben wir doch andere Regeln!<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Kultur, welche \u201eOrdnung\u201c ist f\u00fcr mich heute relevant? Mit welchen Elementen, Archetypen, Strukturen und Chronologien w\u00fcrde ich Geschichte schreiben wollen? Immer noch mit den Mustern der griechischen Trag\u00f6dien, in der Eifersucht, Eroberung von L\u00e4ndern und Frauen, Stolz und Rache detailliert beschrieben werden und Amor genau so personifiziert ist wie der Mut? Was wir von Kindheit an lernen, ist, dass eine Geschichte funktioniert, weil ihr ein Konflikt zu Grunde liegt. Ein Gef\u00e4lle zwischen arm und reich zum Beispiel, zwischen m\u00e4chtig und ohnm\u00e4chtig, gut und b\u00f6se. Die Elemente, die archetypischen Figuren, werden angeordnet, um ewig diese Geschichten in neuen Variationen zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wann entwickeln wir Neues?<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inhalt: &nbsp; Die Schriftstellerin und Regisseurin Johanna Tschautscher besch\u00e4ftigt sich seit dem Jahr 2005 mit afrikanischen Fl\u00fcchtlingen auf dem Weg nach Europa. Sie realisierte zwei Filme und wurde Teil von Projekten, die die Situation verbessert haben. 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