{"id":260,"date":"2015-01-11T11:34:47","date_gmt":"2015-01-11T10:34:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/?page_id=260"},"modified":"2024-12-23T11:31:29","modified_gmt":"2024-12-23T10:31:29","slug":"hintergrund-niemand-vermischt-mit-dem-nichts","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/index.php\/filme\/niemand-vermischt-mit-dem-nichts\/hintergrund-niemand-vermischt-mit-dem-nichts\/","title":{"rendered":"Hintergrund &#8211; Niemand vermischt mit dem Nichts"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u201eNiemand vermischt mit dem Nichts.\u201c<\/strong><br><em>Auf der Suche nach Identit\u00e4t.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:47px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eNessuno immischiato con niente \u2013 Niemand vermischt mit dem Nichts\u201d ist eine g\u00e4ngige sizilianische Redensart.<br>Wenn du den Leuten etwas bedeuten willst, musst du ihnen klar machen, dass du besser bist. Wenn das aber nicht so ist, musst du ihnen klar machen, dass sie \u201eNiemand vermischt mit dem Nichts\u201c sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Cosa Nostra n\u00fctzt das Empfinden des Nichts des Einzelnen und einer durch ihre Geschichte zu einer Form von kollektiver Apathie gedr\u00e4ngten Gesellschaft und bietet eine Existenz an. Tod, Mord, Leid und Grausamkeit werden ohne Schuldgef\u00fchle wahrgenommen. Befehle werden ausgef\u00fchrt. Ein Staatsanwalt wird zum Maximum an Aufgebot des Gegners. Es ist eine Ehre diesen gro\u00dfen \u201eGeneral\u201c des Feindes zu t\u00f6ten. In einer Welt wo das Naturrecht herrscht, werden Morde zur Notwendigkeit, um das \u00dcberleben der Gruppe zu sichern. Es ist eine hierarchisch organisierte Gruppe, die dem Einzelnen die M\u00f6glichkeit bietet nicht nur ein K\u00f6rper, sondern ein Subjekt zu werden und als solches in die Komplexit\u00e4t der Au\u00dfenwelt zu treten. Als Mafiosi wird ihnen Respekt erwiesen, es senken sich die K\u00f6pfe. Die Mafia bietet nicht nur Geld und Macht. Sie bietet Identit\u00e4t. Bei Gespr\u00e4chen mit Mafia-\u00dcberl\u00e4ufern stie\u00df Staatsanwalt Roberto Scarpinato auf einen beachtenswerten gemeinsamen Nenner, der das Innenleben manch kleiner wie gro\u00dfer Ehrenm\u00e4nner durchzieht: \u201eIhr Richter seid \u00fcberzeugt, wir werden wegen des Geldes zum Ehrenmann, nein, ihr habt es nicht begriffen! Vorher war ich \u201aNiemand gemischt mit dem Nichts\u2019, sp\u00e4ter senkten sich \u00fcberall die K\u00f6pfe vor mir, und das war mehr Wert, als all das Geld, das ich mit Drogen gemacht habe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Staatsanwalt Dottore Roberto Scarpinato ist seit 1988 in der Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft in Palermo und versucht das Wesen der Cosa Nostra zu begreifen:<br>\u201eEs gibt Kulturen, die krank sind. Und diese Kulturen bringen kranke M\u00e4nner hervor. Das Problem ist aber, diese Kulturen verstehen sich nicht als krank. Sie leben in dem Selbstverst\u00e4ndnis der Summe ihrer Geschichte. Sizilien hat eine stark zur\u00fcckgebliebene Kultur, die Lebensart des Mittelalters hat hier bis zum Anfang unseres Jahrhunderts gedauert. Feudalismus &#8230; das ist ein langes Zur\u00fcckbleiben!<br>Sizilien war \u00fcber Jahrhunderte besetzt und wurde immer wieder ausgebeutet! Das Vertrauen in die politisch M\u00e4chtigen, in die Kirche, in jede Art von Autorit\u00e4t ist in dieser Zeit verloren gegangen. Am Ende des Feudalismus ersch\u00fctterte etwas Neues die bestehende Ordnung: Die \u201aErde\u2019 wurde zur \u201aWare\u2019. Sie war kaufbar! Das schuf Mobilit\u00e4t, Verhandlungsr\u00e4ume und soziale Spannungen. Die M\u00e4chtigen, unter ihnen ein paar Noble, teilten sich schlie\u00dflich das Land, die restliche Bev\u00f6lkerung war: \u201eNiemand vermischt mit dem Nichts.\u201c Ohne Land, ohne Kultur, ohne Tradition, ohne famili\u00e4re Geschichte, damit eine Bedrohung! Einige verarmte Bauern wurden zum Banditen. Eine \u201aSchutzindustrie\u2019 konnte Fu\u00df fassen.<br>Der Embryo der Cosa Nostra entstand in dieser Zeit aus dem Gehirn des Noblen, und aus der Lupara, dem Gewehr, des Bauern. Ihr Ziel: Land mit Gewalt an sich zu rei\u00dfen. Das als erste Phase.<br>Nach dem zweiten Weltkrieg lag der Reichtum Siziliens nicht mehr in der Erde, sondern in der M\u00f6glichkeit durch Spekulation, der Vergabe von Subventionen und durch Provisionen Geld zu verdienen. Die Mafia hatte schon ihre Tradition. Die Familien, die zu Land gekommen waren, hatten Macht erreicht. Die gesellschaftliche Realit\u00e4t aber war immer noch mittelalterlich: Eine Masse, die keine Macht hatte. Und dann kam hinzu, dass der Staat nicht glaubhaft war. Auch nach der Angliederung Siziliens an Italien konnte der Staat keine Pr\u00e4senz entwickeln, weil die wichtigen politischen Posten mit der Mafia verstrickt waren. Was macht also der Sizilianer, der ja eigentlich kein Mafioso ist. An wen h\u00e4lt er sich? An die Mafia? An den nicht-pr\u00e4senten Staat? Die Cosa Nostra wurde f\u00fcr viele junge Sizilianer interessant, \u00e4hnlich wie heute die \u201evory v zakone\u201c, die russische Mafia f\u00fcr die Jugendlichen in den Oststaaten. Sie pr\u00e4sentiert sich nicht als kriminelle Organisation, sondern als geheime F\u00fchrungsstruktur, eine Alternative zur, als schwach empfundenen, Herrschaftsklasse. Psychologisch betrachtet, das Angebot einer Superidentit\u00e4t!<br>Die mehrheitlich nicht-kriminellen Sizilianer stehen zwischen den M\u00e4chten. Durch ihre Geschichte st\u00e4rkte sich die Devise: Nicht einmischen.<br>Richter Falcone sagte einmal, er f\u00fchle sich wie ein Torero in der Arena. Das gro\u00dfe Publikum sieht dem Spektakel zu, da ist er mit dem Stier.<br>Dieses immer gleiche Dahinleben der Sizilianer, eine Form von Apathie, Ohnmacht, Gleichg\u00fcltigkeit.<br>Aber Falcone, sein Kollege Borsellino und mit ihnen andere Staatsanw\u00e4lte wuchsen in der Bev\u00f6lkerung auf Grund ihres entschlossenen Engagements langsam zu etwas Glaubhaftem. Zu einem starkem Bild. Da war pl\u00f6tzlich ein Staat, der durch methodisch denkende Personen repr\u00e4sentiert wurde. Und das war gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Mafia. Das Symbol!<br>Die Mafia reagiert! Sie schw\u00e4cht das Symbol! Die Mitarbeiter Falcones wurden verh\u00f6hnt und verleumdet, ebenso das Anti-Mafia-Pool und heute: \u00dcber die Medien Personen diskreditieren. Richter, Staatsanw\u00e4lte &#8230; Erstes Mittel und erste Drohung.<br>Damit man die Mafia bek\u00e4mpfen kann, muss man ihre eigenen Symbole bek\u00e4mpfen! Die Mafia kreiert sich Mythen, Rituale, gibt sich Traditionen, macht sich zu einem Volk, das Geschichte hat. Der Mafioso hat auch Ethik! Aber sie ist tribal. \u2013 Er lebt in einem Stamm!<br>Das best\u00e4tigte sich bei einem Gespr\u00e4ch mit einem hundertfachen Mafia-M\u00f6rder bei dem ich meine Sekret\u00e4rin mitgenommen hatte: Der Mafioso erz\u00e4hlte uns seine Morde und jedes Mal wenn er von einem neuen Mord begann, drehte er sich zur Sekret\u00e4rin und sagte: Entschuldigen Sie!<br>Als wir fertig waren, nach vier Stunden, hat er seine Sachen zusammengepackt und bevor er ging, entschuldigte er sich noch einmal bei der Frau: Ich habe die Befehle meiner \u201aHauptm\u00e4nner\u2019 befolgt! Und das einzige Gericht, das mich interessiert, ist das Gericht meines Volkes &#8230; ich h\u00e4tte mich nicht gut gef\u00fchlt, einen einzigen Befehl nicht ordentlich ausgef\u00fchrt zu haben.\u201c<br>Die Cosa Nostra ist ein Stamm, von tausendenden Menschen besiedelt, hierarchisch gegliedert: Soldaten, Familienoberh\u00e4uptern, Capos &#8230; bis hin zur obersten Regionalkommission.<br>Wir h\u00f6ren Telefongespr\u00e4che ab. Einmal stie\u00dfen wir auf ein Gespr\u00e4ch von zwei Mafiosi: \u201eF\u00fcr mich w\u00e4re es das sch\u00f6nste, wenn der liebe Gott mich so lange leben lassen w\u00fcrde, dass ich den gro\u00dfen Capo noch treffen k\u00f6nnte!\u201c<br>Ein anders Beispiel: Ein sehr junger Sizilianer erz\u00e4hlte, an dem Tag, an dem er endlich Mitglied der Cosa Nostra geworden war, w\u00e4re er vierundzwanzig Stunden mit dem Auto durch die Stadt gefahren, so gl\u00fccklich war er gewesen. Endlich war er Teil von etwas Gro\u00dfem, wo er sein Bed\u00fcrfnis nach Zugeh\u00f6rigkeit stillen konnte, wo er zum Protagonisten wurde, um mit der Komplexit\u00e4t der Au\u00dfenwelt fertig zu werden.<br>Und ein anderer, der im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, sagte: Es ist besser im Gef\u00e4ngnis, als ein Nichts zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Cosa Nostra bietet einen Werdegang und verwandelt die Leere in F\u00fclle. Es geht in diesem Punkt um Identit\u00e4t. Um die Mechanismen wie Identit\u00e4t entseht, um die Familie, die M\u00fctter \u2013 das geht uns alle an \u2013 die Jugendlichen, die Eltern, die Lehrer &#8230;<br>Ich habe zusammen mit Professoren bei Schulkonferenzen gesprochen und versuchte den jungen Menschen klar zu machen, wie man nicht denken soll. Ein Anti-Mafia-Denken. Das schwierigste ist Identit\u00e4t zu entfalten. Und wenn man sie entfaltet hat, ist es ebenso schwierig sie zu sch\u00fctzen! Pers\u00f6nliche Identit\u00e4t bezieht sich auf die gro\u00dfe Einmaligkeit und Kontinuit\u00e4t des Individuums. Jung spricht von der Individuation, vom Weg \u201aselbst\u2019 zu werden. Soziale Identit\u00e4t bezieht sich auf die Gesamtheit der Rollenerwartungen. Dieser Balanceakt zwischen der pers\u00f6nlichen Einmaligkeit und der Erwartung der Gesellschaft. Die kritische Auseinandersetzung!<br>Aber stellen Sie sich einen Jungen vor, hier in Sizilien, oder Amerika, oder Russland, Jugoslawien, Albanien! Welche Voraussetzungen nimmt er mit? Was sieht er? Welche Vorbilder hat er? Wenn du arm bist, aber etwas aus deinem Leben machen willst und es kommt jemand und sagt, hier: Sieben tausend Schilling, und ich mache dich zu Gott!<br>Die Mafiosi sind oft sensibel und gute Menschenkenner \u2013 ich habe manchmal Angst um Journalisten, die in den Gef\u00e4ngnissen Mafiosi interviewen. Der Mafioso erkennt sofort mit wem er es zu tun hat und wie weit er \u201aseine Wahrheit\u2019 vermitteln kann, ohne seine Glaubw\u00fcrdigkeit zu verlieren. \u2013 Sie verstehen es die Dinge umzudrehen und glaubhaft zu machen.<br>Ich habe einmal einen Mafioso gefragt, ob er keine Schuldgef\u00fchle hat, wenn er Menschen t\u00f6tet.<br>\u201eWaren Sie noch nie in Rom?\u201c sagte er, \u201ewaren sie noch nie am Blumenplatz bei der Statue dieses Philosophen, den die Kirche verbrannt hat? Die katholische Kirche verbrennt ihre Feinde, warum sollte ich nicht meinen Befehlen gehorchen und unsere Feinde t\u00f6ten?\u201c<br>Die katholische Kirche und die Mafia, das ist ein eigenes Kapitel. Die Kirche hatte in der Vergangenheit mehr Angst vor dem Kommunismus, als vor der Mafia und entwickelte eine gewisse Toleranz. Heute gibt es Anti-Mafia-Priester. Und es gibt Mafia-Priester! Auch die Absolution durch die Beichte! Der Mafioso mordet, beichtet, mordet &#8230; unsere Ermittlungen hinken hinterher.<br>Wir Staatsanw\u00e4lte sehen in ein Universum voller Sterne. Bis uns das Licht der kriminellen Ereignisse erreicht, hat sich dort oben schon wieder alles ver\u00e4ndert. Die Mafia ist uns immer voraus. Im Moment jedenfalls wissen wir, ist es verboten wichtige Pers\u00f6nlichkeiten umzubringen. Die Mafia zieht sich zur\u00fcck, solange keine Morde in der Zeitung stehen, gibt es die Mafia nicht, sie kann in Ruhe neue Wege beschreiten.<br>F\u00fcr uns ist es wichtig wach zu bleiben. Ein sizilianisches Sprichwort sagt: Senke das Haupt und z\u00e4hle die Sterne. Falcone tat das. Falcone hatte in seinem B\u00fcro immer den Teletext eingeschaltet. Wenn irgendetwas passiert ist, B\u00f6rsenkurse fielen, Politiker eine Reise machen, andere Politiker nach Palermo eingeladen wurden, kam es vor, dass er sich zur\u00fcckzog und die neue Information in das Bild der Gegenwart einf\u00fcgte. Ein Gleichgewicht k\u00f6nnte sich ver\u00e4ndert haben. Jedes Detail k\u00f6nnte wichtig sein. F\u00fcr die Arbeit. F\u00fcr das \u00dcberleben.<br>Palermo ist eine Stadt der Entscheidung. Man kann hier seine Entscheidungen nicht hinausschieben. Man ist entweder daf\u00fcr oder dagegen, und das mit allen Konsequenzen und wenn du in einem armen Viertel aufw\u00e4chst, dann entscheidest du noch fr\u00fcher. In dieser Stadt schl\u00e4gt dich die Realit\u00e4t an die Wand. Du erkennst, wer du bist.<br>Ich habe einen Regiefreund. Er fragte mich: Ist es m\u00f6glich ein Tagebuch \u00fcber Palermo zu schreiben \u2013 \u00fcber die Wahrheit? Ich sagte: Das ist nicht m\u00f6glich. Es gibt so viele Ebenen. So viele verschiedene Wahrheiten \u2013 nehmen sie mich: Ich bin seit 1988 in Palermo. Die meiste Zeit verbringe ich mit Mord. Welche Wahrheit ist das? Ich habe etwas aufgeben m\u00fcssen, etwas umbringen, das ist nicht sch\u00f6n, irgendwann erkennst du das es so ist: Meine Zerbrechlichkeit. Um die Zerbrechlichkeit der Allgemeinheit zu sch\u00fctzen. Das ist die Gefangenschaft in meiner Funktion. Ich habe auch keine Angst mehr. Wissen sie wie das ist? Es ist nicht mehr von Interesse, ob du stirbst oder nicht &#8230; das ver\u00e4ndert dich. Der Mafioso darf nie sehen, dass du zerbrechlich bist. In Palermo kannst du nicht zerbrechlich sein. Wenn die Mafia dich auffordert Schutzgeld zu zahlen, f\u00fchlst du dich das letzte mal in deinem Leben zerbrechlich, denn dann entscheidest du dich: Entweder zu zahlst und kooperierst, oder du zahlst nicht und riskiert dein Leben und das deiner Angeh\u00f6rigen, oder du sagst aus: Und bist dein Leben lang auf der Flucht. Und durch diesen Mechanismus, das Stehlen der Freiheit, das Abhandenkommen von individueller Kreativit\u00e4t, das Unterdr\u00fccken der Entwicklung zu einer h\u00f6heren Kultur, in der es m\u00f6glich w\u00e4re, zu erkennen, dass es au\u00dferhalb des Stammes auch andere gibt, durch all das geht das beste verloren. Man ist festgelegt. Das was man h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, stirbt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Furche 2005 &#8211; von Johanna Tschautscher<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNiemand vermischt mit dem Nichts.\u201cAuf der Suche nach Identit\u00e4t. \u201eNessuno immischiato con niente \u2013 Niemand vermischt mit dem Nichts\u201d ist eine g\u00e4ngige sizilianische Redensart.Wenn du den Leuten etwas bedeuten willst, musst du ihnen klar machen, dass du besser bist. 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