{"id":255,"date":"2015-01-11T11:28:58","date_gmt":"2015-01-11T10:28:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/?page_id=255"},"modified":"2015-01-14T15:57:05","modified_gmt":"2015-01-14T14:57:05","slug":"interview-dott-scarpinato-niemand-vermischt-mit-dem-nichts","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.johanna-tschautscher.eu\/index.php\/filme\/niemand-vermischt-mit-dem-nichts\/interview-dott-scarpinato-niemand-vermischt-mit-dem-nichts\/","title":{"rendered":"Interview Dott. Roberto Scarpinato"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Interview aus der Webmagazin Cultura 21<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Roberto Scarpinato:<br \/>\nIch besch\u00e4ftige mich seit 1989 mit Mafia. Ich habe mit den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino zusammengearbeitet, die 1992 ermordet wurden. Bis 2000 habe ich Ermittlungen \u00fcber das Verh\u00e4ltnis Mafia und Politik, Mafia und Polizei und Mafia und Geheimdienste geleitet. So habe ich die Anklage gegen den Politiker Giulio Andreotti initiiert und betreut. Er war sieben Mal Italiens Regierungschef. Der italienische Gerichtshof [die h\u00f6chste juristische Instanz in Italien] hat das Urteil best\u00e4tigt, dass Andreotti bis 1980 Komplize der Mafia war. Zurzeit leite ich neue Ermittlungen gegen die politischen Mandanten der Mordanschl\u00e4ge gegen Falcone und Borsellino. Seit 2004 besch\u00e4ftige ich mich au\u00dferdem mit dem Verh\u00e4ltnis von Mafia und Wirtschaft. Bei der Staatsanwaltschaft Palermo habe ich eine spezielle Stelle gegr\u00fcndet, die auf Ermittlungen in diesem Feld spezialisiert ist. Durch unsere Ermittlungen wurden bislang 4,5 Milliarden Euro mafi\u00f6ses Verm\u00f6gen beschlagnahmt.<br \/>\nDas Geheimnis unserer Erfolge h\u00e4ngt mit zwei Faktoren zusammen:<br \/>\n1) Besondere gesetzliche Instrumente, die in Italien geschaffen worden sind;<br \/>\n2) Die besondere Gestaltung der Ermittlungen bzw. die besonderen Ermittlungstechniken, die wir verwenden.<br \/>\nMan braucht Ermittlungseinheiten zusammengesetzt aus Richtern, Kriminalbeamten und Polizisten, die sich ausschlie\u00dflich mit der Bek\u00e4mpfung der organisierten Kriminalit\u00e4t besch\u00e4ftigen \u2013 und nicht durch andere T\u00e4tigkeiten gest\u00f6rt werden.<br \/>\nErlauben Sie mir einen Vergleich. Im Gesundheitswesen haben wir allgemeine Mediziner einerseits und Fach\u00e4rzte andererseits. Diese Differenzierung ben\u00f6tigen wir auch bei der Durchf\u00fchrung von Ermittlungen gegen mafi\u00f6se Strukturen.<br \/>\nIn der Medizin betrifft die Spezialisierung nicht nur die \u00c4rzte, sondern auch das Instrumentarium, das sie verwenden. Sogar die Chirurgen haben sich auf bestimmte K\u00f6rperbereiche spezialisiert. Operationen am Herzen oder am Gehirn brauchen unterschiedliche Arten von Skalpellen. Das gleiche Prinzip ben\u00f6tigen wir im Kampf gegen die organisierte Kriminalit\u00e4t.<br \/>\nIn Deutschland wurde dieses Prinzip bisher nicht umgesetzt. Hier wird der Patient noch mit alten, verbrauchten Skalpellen operiert. Deshalb ist die Geschichte der Mafia in Deutschland vor allem eine Geschichte von Erfolgen.<br \/>\nIch gebe Ihnen ein Beispiel, um den Unterschied in der Bek\u00e4mpfung der Mafia in Italien und in Deutschland deutlich zu machen. 2001 lernte ich einen Italiener kennen, der ein gut laufendes Restaurant in Deutschland besa\u00df. Eines Tages besuchten ihn zwei Personen. Sie forderten den Restaurantbesitzer auf, Schutzgeld zu zahlen. Er ging zur Polizei, erstattete Anzeige und die zwei Erpresser wurden festgenommen. Einen Monat sp\u00e4ter wurde der Gastronom von einem weiteren Mafioso aufgesucht. Er beschuldete den Gastronomen gegen die Regeln der Mafia versto\u00dfen zu haben und forderten ihn auf, auch r\u00fcckwirkend Raten von Schutzgeld zu zahlen. Wenn der Gastronom zur Polizei ginge \u2013 so die Drohung \u2013 w\u00fcrden weitere 100 Mafiosi ihn besuchen und seine ganze Verwandtschaft umgebracht.<br \/>\nWas machte der Restaurantbesitzer? Er verkaufte sein Restaurant an die Mafia. Die Mafia kaufte es \u00fcberteuert, f\u00fcr einen viel h\u00f6heren Preis als sein Marktwert war.<br \/>\nAn dieser Stelle ist das deutsche System gescheitert. Was tun wir in Italien in solchen F\u00e4llen?<br \/>\nSobald wir eine Anzeige wegen Erpressung erhalten, geht der Fall an die \u201cProcura Antimafia\u201d (Antimafia-Staatsanwaltschaft). In Italien gibt es 26 Staatsanwaltschaften, die auf Mafia spezialisiert sind. Sie werden durch eine nationale Einheit \u201eCoordinamento antimafia\u201c koordiniert. Bei der Polizei hat die gleiche Spezialisierung auf Mafia stattgefunden und entsprechende Strukturen entstehen lassen. Es gibt dort Ressorts und Gruppen, die nur f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der Mafia zust\u00e4ndig sind.<br \/>\nDie Erfahrung hat gezeigt, dass es nicht reicht, einige Personen festzunehmen, um die Mafia wirkungsvoll zu bek\u00e4mpfen: Man muss die ganze Organisation zerschlagen. Man muss verhindern, dass die inhaftierten Mafiosi mit ihrer Organisation kommunizieren. Man muss das ganze Verm\u00f6gen der Mafia beschlagnahmen, weil darauf ihre politische und wirtschaftliche Macht basiert.<br \/>\nWir in Italien nehmen die kleinen Fische nicht sofort fest. Wenn wir die kleinen Tentakeln sofort abtrennen w\u00fcrden, dann w\u00fcchsen weitere 100. Der Krake muss hingegen am Herzen und am Kopf getroffen werden. Bevor wir zwei-drei kleine Fische festnehmen, beobachten wir ihr Umfeld und Netzwerk. Wir praktizieren den Lauschangriff und die Telefon\u00fcberwachung. Der Erfolg von 90 Prozent unserer Ermittlungen basiert auf diesen Mitteln.<br \/>\nDie Mafiosi sind professionelle T\u00e4ter. Sie kommunizieren zum Beispiel nicht mehr \u00fcbers Telefon, weil sie wissen, dass sie abgeh\u00f6rt werden. Deshalb ist der Lauschangriff noch wichtiger f\u00fcr uns. Dieser Eingriff muss durch einen Richter veranlasst bzw. unterschrieben werden. Durch die Raum\u00fcberwachung k\u00f6nnen wir das ganze Netz der Mafia ermitteln, auch die Kontakte mit der Politik und der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Aber auch dann werden die kleinen Fische nicht festgenommen, denn nachhaltiger als mittels Festnahmen bek\u00e4mpfen wir die Mafia durch die Beschlagnahmung ihres ganzen Verm\u00f6gens. Aus der Sicht der Mafiosi ist eine Festnahme ein Berufsunfall. F\u00fcr sie geh\u00f6rt es zum mitkalkulierten Berufsrisiko.<br \/>\nAus dem Gef\u00e4ngnis kommunizieren die Inhaftierten mit ihren Verwandten, Rechtsanw\u00e4lten und anderen Mafiosi \u2013 und f\u00fchren dadurch die eigenen Gesch\u00e4fte weiter. Sie sitzen im Gef\u00e4ngnis, w\u00e4hrend ihr Verm\u00f6gen drau\u00dfen weiter w\u00e4chst. Deswegen haben wir in Italien ein Gesetz, die die Isolierung der Mafiosi im Gef\u00e4ngnis erzwingt. Die Raum\u00fcberwachung wird auch im Gef\u00e4ngnis fortgef\u00fchrt. Auf diese Weise schafften wir es, Morde zu verhindern, die aus dem Gef\u00e4ngnis befohlen wurden. So konnten wir das Verm\u00f6gen der Mafiosi ausmachen und es beschlagnahmen.<br \/>\nIch nenne einige Beispiele. Einmal h\u00f6rten wir ein Gespr\u00e4ch zwischen einem inhaftierten Mafiaboss und einem Verwandten ab. Der Boss sagte, dass er sich im Gef\u00e4ngnis ausruhte, w\u00e4hrend die Millionen f\u00fcr ihn drau\u00dfen arbeiteten.<br \/>\n2005 nahmen wir denjenigen fest, der das Verm\u00f6gen Bernardo Provenzanos, eines der m\u00e4chtigsten Mafiosi in Italien, verwaltete. Wir wussten gar nichts \u00fcber dieses Verm\u00f6gen, weil alles auf unverd\u00e4chtigte Strohm\u00e4nner \u00fcberschrieben war. So fingen wir an, den Raum dieses Inhaftierten zu \u00fcberwachen, Monate lang \u2013 zum Beispiel als er von seinem Sohn besucht wurde. Wir erfuhren, dass der Inhaftierte seinem Sohn Weisungen gab. Durch diese Informationen konnten wir ein Verm\u00f6gen in Wert von 100 Millionen Euro beschlagnahmen. Wenngleich das nur ein kleiner Teil der zwei Milliarden ist, die Provenzano besitzt.<br \/>\nNachdem die Mafiosi festgenommen worden sind, geben wir die Ermittlungen an Richter und Polizisten weiter, die f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der Geldw\u00e4sche und das Verm\u00f6gensaufsuchen zust\u00e4ndig sind. Auch in diesem Feld haben wir eine sinnvolle Spezialisierung.<br \/>\nDie deutsche Gesetzgebung erlaubt nur eine klassische Beschlagnahmung von Verm\u00f6gen. Um in Deutschland ein Verm\u00f6gen zu beschlagnahmen, muss der Richter beweisen, dass jenes Verm\u00f6gen mit Geld entstanden ist, das von einer Straftat stammt. Es geht um eine direkte kausale Verbindung zwischen Verm\u00f6gen und Straftat. Diese Verbindung trifft aber nur auf wenige F\u00e4lle zu wie Straftaten von Kleinkriminellen, die keine professionellen Techniken verwenden, um ihr Verm\u00f6gen zu verschleiern, um die Wahrheit zu manipulieren\u2026<br \/>\nDiese klassische Beschlagnahmung ist also ungeeignet, um die Geldw\u00e4sche der Mafia zu bek\u00e4mpfen.<br \/>\nDie Mafia wendet sehr raffinierte Methoden an, um illegal beschaffenes Geld zu waschen. Es wird zum Beispiel im Ausland investiert. Illegales Geld flie\u00dft durch 20 verschiedene Konten in der ganzen Welt, die \u00fcber jeden Verdacht erhabene Strohm\u00e4nner eingetragen sind. Das Geld wird nur dann investiert, wenn es gewaschen worden ist, zum Beispiel in den Immobilienmarkt. In Deutschland hat die Mafia Gesellschaften gegr\u00fcndet, in denen unverd\u00e4chtigte deutsche Strohm\u00e4nner sitzen, die 50.000 bis 100.000 Euro pro Jahr bekommen, nur um ihren eigenen Namen \u201eauszuleihen\u201c.<\/p>\n<p>Diese Gesellschaften haben einen Wert von maximal 500.000 Euro und einen Umsatz, der die 50.000 Euro pro Jahr nicht \u00fcberschreitet. Unter diesen Grenzen schreibt das deutsche Gesetz eine einfachere Buchhaltung vor, die weniger Kontrollen unterzogen wird.<br \/>\nDiese Art von Gesellschaften vermehren sich gerade in Deutschland, vor allem im Bausektor.<br \/>\nSie unterbieten die legale Konkurrenz bis zu 40 Prozent und bekommen deshalb \u00f6fter Auftr\u00e4ge. Diese Gesellschaften bringen den Markt durcheinander.<br \/>\nWie kann man 40 Prozent unter dem normalen Preis arbeiten? Es gibt verschiedene Erkl\u00e4rungen daf\u00fcr. Zuerst verf\u00fcgt die Mafia \u00fcber Unmengen an Geld (z.B. jenes, das beim Kokainhandel gemacht wird) und braucht keine Kredite von Banken. Sie muss deshalb keine Kontogeb\u00fchren oder Zinsen zahlen. Zweitens werden durch die \u201ePhantom-Unternehmen\u201c der Mafia Finanz\u00e4mter und Sozialbeh\u00f6rden get\u00e4uscht, nicht zuletzt durch zahlreiche Rechnungen f\u00fcr Leistungen, die nie erbracht wurden. Drittens entsorgt die Mafia Asbest verseuchten Bauschutt und gef\u00e4hrliche Abf\u00e4lle, die durch den Abriss von Geb\u00e4uden entstehen, in illegalen Deponien und kann dadurch hohe Kosten sparen. Schlie\u00dflich verwenden die Mafiosi beim Bauen schw\u00e4cheren Beton, das hei\u00dft mit weniger Zement als vom Gesetz gefordert.<br \/>\nHinter solchen Gesch\u00e4ften gibt es eine ganze Reihe von Hinterm\u00e4nnern, die sich stark bereichern.<\/p>\n<p>Lombardei, Piemont und Ligurien sind Regionen in Norditalien, die Deutschland sehr \u00e4hnlich sind. Sie sind reich. Wir haben erfahren, dass die Mafia mit ihren Bauunternehmen diese Regionen \u00fcberschwemmt hat. Dies ist ein Alarmzeichen auch f\u00fcr Deutschland! Die Mafia ist dabei, Deutschland zu erobern \u2013 nicht mit Waffen und durch Morde, sondern mit der Macht des Geldes. Diese bestechende Macht der Mafia betrifft nicht nur deutsche Unternehmen, die Subunternehmen verwenden. Die Korruption kann auch Teile der deutschen Mittel- und Oberschicht treffen. In Deutschland arbeitet die Mafia mit Notaren, Steuerberatern und Rechtsanw\u00e4lten zusammen, die sie f\u00fcr die eigenen Gesch\u00e4fte nutzt. Die Mafia ist dabei, die deutsche Gesellschaft zu unterwandern.<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren lief in einer deutschen Stadt [K\u00f6ln] ein Steuerstrafverfahren gegen Personen aus Agrigento (Sizilien), die zu maximal vier Jahren Haftstrafe verurteilt wurden. Diese Personen waren im Baugesch\u00e4ft t\u00e4tig.<br \/>\nZuvor hatte sich die Justiz von Palermo mit diesem Netzwerk besch\u00e4ftigt. F\u00fcr die Ermittlungen waren zehn Richter und 40 Polizisten zust\u00e4ndig. Wir haben die Personen festgenommen, sie bekamen hohe Haftstrafen. 100 Millionen Euro Verm\u00f6gen wurden beschlagnahmt. Diese Personen verstanden, dass es zu riskant war, in Italien ihre Gesch\u00e4fte weiterzuf\u00fchren. So haben sie ihre Struktur nach Deutschland verlegt. Hier haben sie mit den gleichen Methoden weiter gearbeitet und sich dabei stark bereichert.<br \/>\nAls sie in K\u00f6ln angeklagt wurden, ging es um Steuerhinterziehung und \u201ekreative\u201c Unternehmensmethoden. Das Wort Mafia wurde nicht einmal genannt.<br \/>\nDie vier Angeklagten leisteten sich 15 Rechtsanw\u00e4lte, die \u00fcberreich bezahlt wurden. Sie standen einem Staatsanwalt gegen\u00fcber, der in vielen Bereichen sehr kompetent war, aber von Mafia gar nichts wusste.<br \/>\nIn Deutschland herrscht noch der Glaube, dass die Mafia eine Geschichte von Pizzab\u00e4ckern sei. Die echt gef\u00e4hrliche Mafia ist hingegen jene der \u00fcber jeden Verdacht erhabenen \u201cwei\u00dfen Kragen\u201d (colletti bianchi): eine Mafia die Wirtschaftskriminalit\u00e4t betreibt und Geld investiert; eine Mafia, die aus Menschen besteht, die studiert haben und enge Kontakte zu Politikern pflegt. Letztes Jahr hatte ich einen Prozess mit einem Mafiosi in Palermo, der sein Geld in Windanlagen investiert hatte.<br \/>\nIn vielen Mafia-Prozessen ist es fast unm\u00f6glich zu beweisen, woher das Geld kommt, mit dem Immobilien gekauft werden. Die Straftaten wurden meist vor vielen Jahren begangen, in anderen L\u00e4ndern. Die klassischen Ermittlungsinstrumente sind ungeeignet, um die neue Mafia zu bek\u00e4mpfen. Die Europ\u00e4ische Union hat deshalb spezielle Mittel entwickelt. Es handelt sich um Richtlinien, die jedes Land (Deutschland inbegriffen) zueigen machen und anwenden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Das Prinzip der \u201eerweiterten Beschlagnahmung\u201c wurde von zwei EU-Richtlinien festgelegt: eine von 2005 und eine vom 6.10.2006. Die erweiterte Beschlagnahmung darf nur bei bestimmten Arten von Straftaten verordnet werden, zum Beispiel bei mafi\u00f6sen Vereinigungen. Wenn eine Person aufgrund solcher Straftaten verurteilt worden ist, dann muss ein Staatsanwalt eine Bestandsaufnahme des Verm\u00f6gens der Verwandten und Bekannten dieser Person machen. Dieses Gesamtverm\u00f6gen muss dann mit den Einkommen abgeglichen werden, die beim Finanzamt deklariert worden sind. Falls beim Abgleich unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Differenzen festgestellt werden, m\u00fcssen die Betroffenen erkl\u00e4ren und beweisen, wie diese zustande gekommen sind, zum Beispiel wie sie eine gro\u00dfe Immobilie kaufen konnten, obwohl ihr Einkommen dies nicht erm\u00f6glicht. Falls die n\u00f6tigen Beweise nicht geliefert werden, wird das Gesamtverm\u00f6gen beschlagnahmt. So haben wir in Palermo Verm\u00f6gen im Wert von 4 Milliarden Euro beschlagnahmt.<br \/>\nDie Europ\u00e4ische Gesetzgebung f\u00f6rdert eine Transparenz zwischen Verm\u00f6gen und deklariertem Einkommen. Auch in dem Abkommen der Vereinten Nationen f\u00fcr den Kampf gegen die organisierte Kriminalit\u00e4t, das 2000 in Palermo unterzeichnet wurde, ist dieses Prinzip enthalten. Diese Richtlinien wurden in Italien zum nationalen Gesetz umgewandelt, in Deutschland dagegen noch nicht, mit der Begr\u00fcndung, dass ein solches Prinzip nicht mit der deutschen Mentalit\u00e4t vereinbar sei.<br \/>\nIn Deutschland fehlen die Antik\u00f6rper, um diese Infektion zu bek\u00e4mpfen. Welcher ist also der Weg, den man gehen sollte?<br \/>\nIn Italien gibt es die Mafia sp\u00e4testes seit 1850. F\u00fcr viele Jahrzehnte hielt man ihre Existenz f\u00fcr ein Ger\u00fccht der Kommunisten. Wir haben viel Zeit gebraucht, es waren leider viele Tote notwendig, um ein Bewusstsein f\u00fcr dieses Problem zu schaffen.<br \/>\nDeutschland braucht heute Initiativen, die den Austausch zwischen Juristen, Kommissaren, Polizisten, Journalisten und Intellektuellen intensivieren. Dieser Austausch soll zur Bildung einer kulturellen Avantgarde f\u00fchren. Sie soll die politische und kulturelle Sensibilit\u00e4t f\u00fcr das Ph\u00e4nomen Mafia f\u00f6rdern, so dass Vorurteile wie \u201cMafia = Pizzab\u00e4cker\u201d \u00fcberwunden werden. Zweitens sollte Deutschland endlich die Richtlinien der Vereinten Nationen und der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der organisierten Kriminalit\u00e4t umsetzen.<br \/>\nIn Deutschland kann man noch einen Zustand vermeiden, wie man ihn von Italien kennt. Die Mafia ist wie ein Tumor. Zuerst greift er einige Zellen an. Die Tumorzellen vermehren sich dann umbemerkt weiter. Wenn man die ersten Schmerzen sp\u00fcrt, ist es bereits zu sp\u00e4t. Deshalb braucht macht man ein Check Up alle sechs Monate. Deutschland braucht sofort ein Check Up \u00fcber die Pr\u00e4senz der Mafia. In zehn Jahren wird es zu sp\u00e4t sein.<br \/>\nDie Relevanz des Mafia-Problems wurde inzwischen auch von den Analysten der CIA erkannt. Sie sind aufgrund der Entwicklungen in China besorgt. Dort gibt es 250 Millionen \u201eNeue Reiche\u201c, die \u2013 wenn das Wachstum so weiter geht \u2013 bald 500 Millionen sein werden. Wenn man die indischen \u201eNeuen Reichen\u201c dazu z\u00e4hlt, k\u00f6nnten wir in 10 bis 20 Jahren eine Milliarde \u201cNeue Reiche\u201c haben. Warum ist die CIA dar\u00fcber besorgt? Weil diese Menschen potenzielle Konsumenten von Kokain sind. 15 Prozent der Menschheit k\u00f6nnten bald Kokain konsumieren. Der Wert des Kokainmarktes k\u00f6nnte 2020 so hoch sein, dass er die Regeln des Marktes durcheinander bringen k\u00f6nnte. Bei der CIA sieht man also ganz andere Gefahren als die Pizzab\u00e4cker.<br \/>\nSchon heute kontrolliert die russische Mafia den Energiemarkt in Russland. Die Mafia ist \u201edas\u201c Gesch\u00e4ftsmodell der organisierten Kriminalit\u00e4t im 3. Millennium.<br \/>\nJeder ist frei, reich zu werden, muss aber dabei auch beweisen, dass er dieses Ziel legal erreicht hat. Das gilt auch f\u00fcr Mafiosi. Wir m\u00fcssen zwischen individuellen, menschlichen Rechten und Verm\u00f6gensrechten unterscheiden. Wir m\u00fcssen die illegale Anh\u00e4ufung von Reichtum bek\u00e4mpfen.<br \/>\nWas ist meine pers\u00f6nliche Motivation, um den Kampf gegen die Mafia weiterzuf\u00fchren?<br \/>\nEs ist wie auf dem Kampffeld, wenn die Flaggentr\u00e4ger get\u00f6tet werden. Man braucht jemanden, der die Flagge aufhebt und weiter tr\u00e4gt. Ich habe entscheiden, diese Flagge aufzuheben und zu tragen, f\u00fcr meine gefallenen Kollegen Paolo Borsellino und Giovanni Falcone. Wir sind im Krieg; es ist wie ein Krieg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview aus der Webmagazin Cultura 21 Roberto Scarpinato: Ich besch\u00e4ftige mich seit 1989 mit Mafia. Ich habe mit den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino zusammengearbeitet, die 1992 ermordet wurden. Bis 2000 habe ich Ermittlungen \u00fcber das Verh\u00e4ltnis Mafia und Politik, Mafia und Polizei und Mafia und Geheimdienste geleitet. 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